Verliebt in Madurai

„Du wirst dich in Madurai verlieben“, ruft Petra, die mit ihrem schweren Rucksack hinter mir her durch das Gedränge auf dem Busbahnhof von Trichy hastet.
Woher weiß sie das? Hat Indiens Spiritualität so stark auf sie gewirkt, dass Petra jetzt schon in die Zukunft gucken kann? Und selbst, wenn: Ich bin doch gar nicht auf der Suche nach einem Mann!
Um diesem komplexen Gedankengang Ausdruck zu verleihen, reicht meine Kraft in der Hitze nicht. „Hä?“, rufe ich zu ihr zurück.
„Madurai soll die Seele von Tamil Nadu sein“, schreit Petra. „Der Reiseführer sagt, dass wir an diese Stadt unser Herz verlieren werden.“
Ach so. Dann bin ich ja beruhigt.

Wir quetschen uns vorbei an einem Stand, an dem fettige Samosa-Gemüseteigtaschen und duftende scharfe Pakoras feilgeboten werden. Obwohl das Duschwasser aus dem Krishna Inn noch nicht lange auf meiner Haut getrocknet ist, merke ich, wie mir ein Rinnsal Schweiß über den Rücken läuft.
„Maderimaderimaderi!“, ruft ein Mann in khakifarbener Uniform wie ein Maschinengewehr. „Maderimaderimaderi!“

Petra bleibt bei ihm stehen. „Excuse me, Mister. Is this the Bus to Madurai?“
Er bewegt den Kopf ein paar Mal hin und her. Noch vor Wochen hätten wir angenommen, dass er die Frage verneint. Jetzt wissen wir: Jawoll, das ist unser Bus.
Wir erklimmen die steilen Stufen ins Businnere, streifen die Rucksäcke ab und lassen uns auf den Sitz fallen.

Madurai, so erklärt mir Petra, soll die geheime Hauptstadt von Tamil Nadu sein.
„Als Kölner sind wir dann ja hier genau richtig“, meine ich. „Immerhin denken wir ja auch, dass wir in der heimlichen Hauptstadt leben.“
„Ich bin doch keine Kölnerin.“ Petra schaut mich empört an. „Ich bin Norddeutsche und lebe nur in Köln!“
Stimmt natürlich, schließlich ist sie in Jarmen in Meckpomm geboren.
Aber haben die Jahre in der Domstadt nicht doch ein bisschen abgefärbt?

Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein Pärchen. Die junge Frau, fast noch ein Mädchen, hat feine Gesichtszüge, ihre glänzenden schwarzen Haare schauen unter dem Schal des Saris hervor. Sie dreht sich zu uns herum, lächelt und nickt zum Gruß. Dann reicht sie uns eine Tüte mit viereckigen Süßigkeiten aus Erdnüssen und Karamell, die auch an den Ständen im Bahnhof verkauft werden, und köstlich auf der Zunge schmelzen.

„Maderimaderimaderi!“
Außer dem Schlachtruf des Busfahrers dringen Stimmengewirr, Hupen und anfahrende Wagen zu uns herein. Durch das trübe Frontfenster, auf dem außen POINT TO POINT steht und innen ein Sticker mit den rundlichen Zügen von Shiva klebt, sehen wir einige Männer rennen, die kurz darauf das Innere unseres Gefährts erklimmen.

Der Mann in der Uniform klettert nun ins Fahrerhäuschen und lässt den Motor aufheulen. Es riecht intensiv nach Benzin. Er drückt ein paar Mal auf die Hupe – ein schier unerträglich lauter Sirenenton. Es ist so heiß, dass der bunte Hippierock, den ich mir gekauft habe, an meinen Beinen klebt und wir beide auf unserer Plastiksitzbank vor uns hin schwitzen, selbst an den Unterarmen.
Der Fahrer manövriert mit so viel Schwung rückwärts aus der Busparklücke, dass wir uns an der Metallstange des Vordersitzes fast die Zähne ausschlagen.
Petra und ich sehen uns an.
„Ich liebe Busfahren in Indien!“, rufen wir gleichzeitig.

Das Pärchen lehnt sich zurück. Der Mann legt den Arm um seine Liebste, seine Hand liegt lässig auf der Lehne.
Wie schön! Der Busfahrer kurvt um die Ecken, als wäre dies sein allerletzter Trip – und hier im Bus wird nicht nur Petra und mir warm vor Glück. Mit dem Fahrtwind kühlen wir etwas ab, das Gefühl bleibt.

Nach einer vierstündigen Fahrt mit Pinkelpause und Stippvisiten in allen kleinen Orten auf dem Weg, erspähe ich schließlich auf den staubigen Werbetafeln am Straßenrand das Wort Madurai. Wenig später schlingern wir durch eine Straße, die ihren Haupterwerb aus dem Verkauf von Zwiebeln zu ziehen scheint.
„Falls du mal weinen möchtest, solltest du vielleicht hierher kommen“, meint Petra trocken.
„Weinen? Soll ich mich etwa unglücklich in diese Stadt verlieben?“
Sie lacht und schüttelt den Kopf. „Jedenfalls geht Liebe durch den Magen. Hunger?“
Eine blendende Idee. Indisches Essen liebe ich nämlich sehr. So sehr, dass ich froh bin über die Hose mit Gummibund, die mir ein Schneider in Mamallapuram angefertigt hat.

Nachdem wir unser Gepäck in der Unterkunft deponiert haben, beginnen wir mit der Futtersuche. Der Reiseführer schlägt ein Restaurant in der Nähe vor. Mit dem Buch in der Hand fahnden wir danach.
„Where you headin?“ Ein großer, kräftiger Mann mit heller Haut und Basecap hält uns an. Ami? Neuseeländer? Australier?
Kanadier – und klassischerweise auch noch Holzfäller.

Wir kommen ins Gespräch, und da Christopher gerade ebenfalls der Hunger plagt, sitzen wir bald darauf in seinem Lieblingsgasthaus, dem Sri Sabareesh in der Nähe des Bahnhofs. Es quillt schier über vor Menschen, denen die Küchenjungs ein Bananenblatt vorlegen, auf das sie aus verschiedenen Töpfen Reis, Pappadams und bunte, wohlriechende Soßen und eine Art würzigen Kartoffelsalat klatschen. Ein typisches indisches Mittagessen, dieses Thali, das immer wieder nachgefüllt wird, solange man hungrig ist.
„Mmmmmh.“ Petra steckt sich mit den Fingern noch etwas Reis mit Sambar in den Mund, dann noch ein wenig würzige Kartoffelmatsche hinterher.
Ich bin schon satt, knabbere aber trotzdem noch an einer in Salzlake getrockneten Chilischote, gar nicht scharf, eher aromatisch.

Christopher war als Kind mit seiner Mutter in Oshos Ashram.
„Ich verbringe hier den Winter“, erklärt er. „Ist günstig, und was soll ich zu Hause sitzen, wenn ich da ohnehin keine Arbeit habe?“
Ihn interessieren Religion, Sprache und Geschichte und so ist er auf der Suche nach neuer Lektüre – so sehr, dass er jedes Jahr ein paar Kilo Bücher nach Hause schickt. Er hat vor, zur Buchmesse nach Kalkutta zu fahren.
„Da habt ihr ja was gemeinsam“, ruft Petra entzückt. „Anne ist Autorin und sie fährt jedes Jahr auf die Buchmesse in Frankfurt.“
Ihre Augen glänzen, während ihr Blick zwischen uns hin und herwandert.
„Die Preise der Post sind allerdings gestiegen, dieses Jahr werden es wohl weniger“, meint er und wischt sich mit der Hand über den Mund. „Vielleicht nur zwanzig Kilo.“
Der Typ ist nett. Aber wann will er das alles nur lesen?
„Es gibt eben so viele interessante Bücher“, sagt er und erzählt von einem, das belegen soll, dass alle Religionsführer eigentlich Yogis waren.
Ich runzele die Stirn. Hätte ich das nur gewusst, als ich mich mit dem Thema Religion beschäftigte.

„Habt ihr Lust, in den Tempel zu gehen?“, fragt Christopher.
„Au ja“, ruft Petra. „Anne findet es bestimmt toll, wenn du uns begleitest!“
Nun, warum nicht.
Auf dem Weg zum Tempel geht sie in einigem Abstand hinter uns her. Christopher und ich unterhalten uns zwar angeregt, aber ich werfe immer wieder einen Blick zurück, um zu sehen, ob sie nicht verloren gegangen ist.

Der Sri-Meenakshi-Tempel ist einer der schönsten, die wir bisher gesehen haben, das Essen war eines der leckersten, die wir je gegessen haben, und Madurai hat ein angenehmes Tempo, eine sehr relaxte Atmosphäre.
Trotzdem scheint irgendetwas mit Petra nicht in Ordnung zu sein. Sie ist so still.

„Alles okay?“, frage ich sie, als wir im Tempel die Deckenverzierungen bewundern.
„Wenn ihr gerne mehr Zeit zusammen verbringen möchtet, dann unternehme ich einfach was alleine.“ Petra sieht mich erwartungsvoll an.
Warum schlägt sie das vor – ich bin doch mit ihr hier? „Aber der hat doch bestimmt keine Zeit. All die Bücher, die er noch lesen muss.“
„Ich glaube, dem bist du nicht egal“, sagt sie.
Ich zucke mit den Schultern.

Erst, als wir wieder auf der Straße sind, fällt bei mir der Groschen. „Ach, du meinst, Christopher könnte der Grund sein, warum ich mich in Madurai verliebe?“
„Na klar, hübsch ist er ja. Und Holzarbeiter. Der kann sogar eine große Frau wie dich hochheben.“
Ich muss lachen und schüttele den Kopf.
Christopher ist nett. Ob er ein Mann für mich wäre, weiß ich nicht.
Was ich allerdings weiß: Petras Jahre in Köln haben tatsächlich auf sie abgefärbt. Oder zumindest der Karneval, in dem es hauptsächlich um das Eine geht.
Ich beginne eine bekannte Melodie zu summen.
„Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust …“
Nun muss auch Petra schmunzeln.

Ich lasse den Blick schweifen. Das bunte Treiben um mich her gefällt mir. Eine ayurvedische Apotheke, die überquillt vor Töpfchen, Tübchen und Tiegelchen. Ein Kunstgeschäft, indem dunkle und bemalte Holzarbeiten angeboten werden. Eine Gruppe von Frauen mit bunten Saris und einige Männer, die vor einem Haus Chai aus kleinen Gläsern trinken.
Ja, ich bin bereit, mich zu verlieben.
Vielleicht erst mal in diese Stadt.

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I can get no disinfection

Chidambaram. Lautmalerisch steht der Name dieser Stadt bestimmt für „Tschingderassabum“.
Die Heimat des angeblich heiligsten Shiva-Tempels zeichnet sich nämlich durch ihren enormen Klangteppich aus. Wenn man Glück hat, mischen sich ins Motorenknattern noch schepperige Klänge aus einem Lautsprecher. Und das Wort Hupkonzert bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Wer direkt an der Straße beim Tempeleingang wohnt, hat die ganze Nacht Spaß. Und auch Gäste, die in den Seitengassen residieren, kommen voll auf ihre Kosten, wie wir schnell merken.

Bisher hatten wir mit dem erstbesten Zimmer stets Glück. Hoffentlich ist das hier auch so. Von der langen Busfahrt aus Pondicherry sind wir wirklich geschlaucht.

Das „Saradharam“ ist laut Reiseführer die beste Adresse.
„Aber das liegt neben dem Busbahnhof“, sage ich. „Ist doch bestimmt viel zu laut.“
Petra zuckt mit den Schultern. „Wie du magst. Wir können auch erst was anderes anschauen.“

Die zweite Adresse, das Hotel Akshaya, liegt in direkter Nähe zum Tempel. Wie praktisch!
Von außen schaut es ganz manierlich aus. Der Eingang liegt in einer lauschigen Tiefgarageneinfahrt. In der Rezeption erwartet uns ein gelangweilter Portier. Er drückt dem Pagen einen etwas ranzig wirkenden Schlüssel in die Hand, worauf der uns in den zweiten Stock führt. Das Zimmer ist von überschaubarer Größe und hat ein Bad, in dem sich selbst Oscar aus der Mülltonne nicht lange aufhielte. Die Nachttischchen sind von einem Fettfilm überzogen, unsere Schuhe kleben am Boden. Och nö.

In der Mansoor Lodge auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckt Petra beim Betreten des Zimmers einige Kakerlaken von beeindruckender Vitalität. Es ist ist dunkel.

Das Hotel Grand Park hingegen ist beleuchtet wie ein Casino in Las Vegas, und auch hier ist der Artenvielfalt Tür und Tor geöffnet. Genauer gesagt: Fenster – denn der Insektenschutz vor selbigem hat ein Loch, durch das auch faustgroße Krabbler ohne Mühe Kontakt suchen können.

Wäre ein Aufenthalt im Ritz gleich um die Ecke überhaupt erschwinglich? Der Reiseführer lobt es als das beste Hotel am Platz. So nobel wollen wir eigentlich nicht wohnen, aber es ist spät und wir sind erschöpft. Das Zimmer ist selbst ohne Moskitonetz und mit der Funzel, unter der bereits einige Mücken kreisen, bezaubernd. Es hat nur einen kleinen Schönheitsfehler, nämlich keine Dusche. Wir lehnen ab.

„Haben wir zu hohe Ansprüche?“ Ich kann nicht verhindern, dass ich latent verzweifelt klinge.
Petra grinst. „Diese verweichlichten Touristen von heute halten wirklich nix mehr aus.“ Zumindest sie hat sich ihren Humor bewahrt.

Der Zimmerjunge des Ritz deutet auf die gegenüberliegende Straßenseite. Das RK Residency – ein heißer Insidertipp!

Mit Sack und Pack beladen kraxeln wir die Treppen hinauf. Das Zimmer ist, abgesehen von den schmuddeligen Laken, von herausragender Sauberkeit.
Man sagt ja, alles sei relativ.
„Wat wells de maache?“, fragt Petra und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ich kann nicht mehr.“ Sie lässt sich aufs Bett plumpsen.
Ich schnalle mir den schweren Rucksack ab.
Wir bleiben. So erledigt, wie wir sind, bekommen wir von der Unterkunft sowieso nur sehr wenig mit.

Bei einem kleinen Stadtrundgang bekommen wir Appetit. Der Reiseführer schlägt das Anupallavi vor, ein Restaurant, das zum Hotel Saradharam gehört.
„Kommt mir irgendwie bekannt vor“, sage ich.
„Das ist das neben dem Busbahnhof“, meint Petra. „Da war’s uns zu laut.“
An die Klangkulisse haben wir uns inzwischen gewöhnt, da kann auch der Busbahnhof nicht mehr schrecken. Und beim Essen stört das Gehupe ja auch nicht.

Das Hotel liegt etwas zurückgesetzt hinter einer Tanke, aber der Eingang sieht respektabel aus. Nebenan befindet sich das Restaurant, das ein ausgesprochen scharfes, aber umso schmackhafteres Gemüsecurry im Angebot hat. Beschwipst von den Gewürzen, beschließen wir uns nur so zum Spaß mal ein Zimmer anzusehen. Der Portier ist freundlich. Es ist sauber. Das Bettzeug hat nur wenige Löcher. Es riecht allenfalls dezent nach Abfluss im Bad. Hat aber eine Dusche. Die Insekten sind, wenn welche da sind, keine Rampensäue. Und es gibt W-LAN! Verglichen mit allem, was wir heute gesehen haben, ein Palast.

Kurzerhand holen wir unser Gepäck aus dem RK Residency und checken im Saradharam ein.
„In Chidambaram gilt jedenfalls: Et hät noch immer jot jejange!“, denke ich noch, als wir im Bett liegen. Und dann fallen mir auch schon die Augen zu.

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Wat nützt dat Leven in Jedanken

„Unser Tuk-Tuk-Fahrer Ranesh hat was von einem Baum“, flüstere ich Anne zu, während ich die aufrechte Sitzhaltung bestaune, mit der er uns durch die engen Straßenkurven von Pondicherry chauffiert. „Als machte ihm der ganze Verkehrsstress nichts aus.“
„Findest du Tuk-Tuk-Fahren stressig? Mich entspannt das“, entgegnet sie und bindet sich ihr Tuch lässig um den Kopf, als Schutz gegen den Fahrtwind.

Wir sind auf dem Weg nach Auroville, der Modellstadt für die „guten Menschen“, die sich nur einer einzigen Sache verpflichtet fühlen, nämlich der höchsten Wahrheit, wie Gründerin Mira Alfassa 1968 betonte. Welcher Wahrheit? Wer legt denn zum Beispiel fest, ob Stadtfahrten in Wahrheit stressig sind oder entspannend?

Auf der Homepage der Aurovillaner habe ich gelesen, dass ihre Anhänger einem göttlichen Bewusstsein dienen und einer Zukunft entgegen gehen, „wo aus dem Mensch ein Supermensch wird, der sich selbst übertrifft und durch ein wahrhaft vom Göttlichen geprägtes Wesen abgelöst wird“. Treffen wir dort also Superman und Superwoman? Oder auf ein neues DDR-Modell? Die wollten doch damals auch eine bessere Gesellschaft mit besseren Menschen und ohne den schnöden Mammon Geld und Besitz glücklich sein und schrieben sich „Frieden, Freundschaft, Solidarität“ – so der Schlachtruf der FDJ – auf die Fahnen. Leider scheiterte diese hehre kommunistische Idee an der Realität – und an den Menschen. Und das nicht nur in der DDR. Aber gut, das soll ja in Auroville alles ganz anders sein.

Ranesh hält auf einem großen Parkplatz für Busse und Tuk Tuks und weist auf einen schmalen Pfad. Hier geht’s also zum Garten Eden, in dem 2.250 Menschen aus 48 Nationen auf höheren Bewusstseinsebenen unterwegs sind.

Im Visitor’s Centre empfängt uns ein lächelnder Engländer und händigt uns den Passierschein für einen kleinen Rundgang aus.
„Ich wollte doch ins goldene Matrimandir, das aussieht wie eine Riesenrochérkugel!“ moniere ich.
Dafür, so erklärt er uns, benötigen wir eine Voranmeldung, und deutet mit einem entschiedenen Lächeln auf das Gebäude gegenüber.
Dass man für alles eine Genehmigung braucht, kommt mir bekannt vor.
„Wat soll dä Quatsch?“, flüstere ich Anne zu.
Sie zuckt mit den Schultern und geht los.

„Das Matrimandir ist für uns etwas sehr Besonderes. Täglich kommen tausende Besucher, und die Plätze im Inner Chamber sind halt begrenzt“, erklärt eine Frau, auf deren Namensschild Tina steht. „Deswegen muss man eine Reservierung machen. Wenn ihr einmal dagewesen seid, könnt ihr aber immer wieder kommen.“ Sie lächelt entrückt.
Tina ist in meinem Alter und trägt die Haare genauso wie ich damals in den Achtzigern als Ausdruck meiner oppositionellen Haltung zum sozialistischen Einheits-Gedöns: Eine Seite kurz, die andere lang, schräg angeschnitten.
Ob Tina gleich nach der Maueröffnung „nübber“ ist?, schießt es mir durch den Kopf. Von einer idealistischen Idee zur nächsten?
„Nun hol schon deinen Pass raus“, unterbricht Anne meine kruden Gedanken. „Wir wollen doch noch den Rundgang machen.“
Sie hat Recht. Ich blicke auf meine Uhr, eine Stunde ist mit dem ganzen Tamtam schon rum, und wir haben mit Ranesh ausgemacht, dass er zwei Stunden wartet. Wir eilen los.

„First Video!“, hält uns der Eintrittskartenkontrolleur zurück und schiebt uns in einen kleinen Raum, wo ein Film heroische Aufbaubilder Aurovilles mit Musikuntermalung zeigt. Es ist nicht mein erster Agit-Prop-Film; ich finde das eher lustig.
Anne verdreht die Augen. „Mich hätte eher interessiert, wie sie hier versuchen, Arobindos Ideale in die Tat umzusetzen“, sagt sie, „zum Beispiel ihre Schulprojekte und etwas über alternative Landwirtschaft und Energiegewinnung.“

Beim Rundgang leiten uns Männer, die wie Straßenpolizisten wirken – allerdings ohne Uniform – in vorgeschriebene Bahnen. Das ist total lieb, da können wir uns in diesem 50 Hektar großen Märchenland nicht verlaufen. Wie wär’s, wenn ihr dann noch eine Mauer drumherum zieht?
Schöne Blumenbilder auf Natursteinen verkünden Weisheiten der Aurovillaner von Gesundheit, Liebe und Gleichheit. Die Lilie steht zum Beispiel für den Frieden: „Feel the peace, know the peace, be the peace, the peace, the peace…“ Sie haben ja so recht.
Leider war es das für heute und so tuckern wir samt innerem Frieden und in dem von Raneshs sicher geführten Dreirad zurück in die laute, indische Wirklichkeit von Pondicherry.

Am nächsten Morgen um neun Uhr soll es dann die ultimative Auroville-Offenbarung geben.
Ranesh steht dafür um kurz nach acht wieder vor unserem Guest House.
„Einer der besten Fahrer“, lobt der Guest-House-Chef, und so versuche ich es heute auch mal mit Entspannung.

Vor dem Auroville-Center warten schon einige westliche Normalos und Hippies sowie ein paar Inder.
Bevor es losgeht, müssen uns einen weiteren Film ansehen. Dieser ist länger als der vom Vortag und erinnert mich irgendwie an „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“: Ein Pflichtstreifen, der im Staatsbürgerkundeunterricht vor dem FDJ-Eintritt geguckt werden musste, weil er vom wahren Heldentum nach DDR-Vorstellung erzählt.
Im Auroville-Film spricht die „Mutter“ salbungsvolle Worte über das Zusammenleben der Menschen, der gebrechliche Sri Aurobindo schwebt in Schwarzweiß-Bildern über die Leinwand und einige Bewohner erzählen über ihr Leben und tanzen ihren Namen.

Derart eingestimmt stellen wir uns in Zweierreihen vor einem kleinen Büroschreibtisch an der Gartenpforte an und marschieren zum Bus. Und links, zwo, drei und links, zwo, drei…
Ich würde am liebsten ein Lied anstimmen, aber Anne hält mich zurück.
Die Anmeldungen von gestern werden eingesammelt und jeder bekommt ein goldschimmerndes Kärtchen mit Verhaltensregeln in die Hand gedrückt: Nicht sprechen, nicht fotografieren, im Innern des Matrimandir zum Husten auf den Gang gehen und so weiter.
Ein älterer Australier weist uns an, nun in einen kleinen gelben Bus zu steigen. Dieser fährt uns zum Park, in dessen Mitte das Matrimandir steht.

Dort angekommen geht’s aber nicht gleich zur Kugel, sondern zur nächsten Einweisung, und zwar darüber, was es damit auf sich hat.
Wir dürfen Fragen stellen. Wofür denn die „petals“ da seien, die „Blütenblätter“, die wie riesige Rampen um die Kugel angelegt sind, fragt eine Besucherin aus Ungarn.
„Skateboarding“, ruft ein Ami mit lockigen Haaren und Surfer-Shirt dazwischen.
Anne und ich müssen lachen.
Der Australier schenkt ihm einen gütigen Seitenblick, dann erklärt er, dass sich darin Meditationskammern befinden.

Schließlich spaziert unsere Gruppe durch den Park, bis wir zu einem Banyan-Baum kommen. Dieser wurzelt seine riesigen Äste wieder und wieder in die Erde, so dass man darunter schön verweilen kann. Weil das so etwas Besonderes ist, wird er nochmal extra von einem Zaun geschützt. Wovor haben sie hier eigentlich Angst?
Unser Guide erklärt, was wir gleich im Innern der Kugel tun werden: Schuhe ausziehen, Rampe raufgehen, die ins Innere führt, weiße Socken anziehen, Wendelweg hinaufgehen, bis wir im Inner Chamber sind, dann auf eins der weißen Kissen setzen. Vor allem aber gilt es, Ruhe zu bewahren.

Anne fühlt sich bei all dem Weiß und der lila Beleuchtung in der Kugel an Space Odyssee 2001 erinnert.
„Ich glaube, HAL fängt gleich an zu sprechen“, flüstert sie.
Schließlich sind wir in der inneren Kammer angekommen. In der Mitte steht auf einem Sockel eine Kristallkugel. Diese ist eine Spende der ostdeutschen Firma Carl-Zeiss-Jena, die schon zu DDR-Zeiten für ihre tollen Exportideen bekannt war, weshalb für uns Ossis leider nicht viel übrig blieb.
Das Licht der Sonne bricht sich eindrucksvoll in diesem Kristall, und sein Strahl wird wiederum an eine andere Kugel unter dem Matrimandir weitergegeben. Das hat etwas Hypnotisches. 15 Minuten haben wir hier, wenn diese abgelaufen sind, geht das Licht zwei Mal an und wieder aus, und wir müssen wieder raus.

„Hat sich der ganze Heckmeck doch noch gelohnt“, sagt Anne beeindruckt, als wir wieder in Raneshs Vehikel sitzen und durch das quirlige Pondicherry tuckern.
„Stimmt“, bestärke ich, „was für ein großartiges architektonisches Kunstwerk. Aber was ist nun mit den besseren Menschen und dem besseren Leben?“
„Was weiß ich“, antwortet Anne. „Das wirkliche Leben findet wohl eher hier draußen statt.“
„Ja“, sage ich. „Vielleicht sollten wir das Kölsche Grundgesetz erweitern: Wat nützt dat Leven in Jedanken?“

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Puducherry, Cherry Lady

„Nennen wir es denn jetzt Pondicherry oder Puducherry?“, fragt Petra.
Ich zucke mit den Achseln. „Keine Ahnung … Pondicherry? Pudu klingt in meinen Ohren etwas nach Pudel – und cherry, kommt das von Kirsche oder von Chérie?“

Diese Umbenennerei – Bombay in Mumbai, Madras in Chennai – ist verwirrend. Ja, sicher ist es sinnvoll, sich von den ehemaligen Besatzern durch die indischen Städtenamen abzugrenzen. Aber ändert das nicht genau so wenig wie die Umbenennung vom Arbeitsamt in „Ihre Agentur für Arbeit“, wenn die meisten Einheimischen, mit denen wir gesprochen haben, nach wie vor die alten Namen verwenden?

Ob Pondi oder Pudu, in der ehemaligen Hauptstadt von Französisch-Indien fühlen wir uns sofort pudelwohl. Es mag an den farbenfrohen Kolonialbauten in der Altstadt liegen, am geschäftigen Treiben oder auch daran, dass der Wirt vom Guest House Taucher ist wie ich (eine kleine Fachsimpelei über die besten Tauchgebiete ist im Check-in inbegriffen) – und seine Frau gutes Englisch mit französischem Akzent spricht. (Eigentlich ist dieser Blog werbefrei, aber hier ist es einfach zauberhaft: www.dumasguesthouse.com. Wann immer ihr mal in der Gegend seid: Mit seinem grünen Innenhof, den schön gestalteten Zimmern und dem freundlichen Service ist das Dumas Guest House eine gute Wahl.)
In jedem Fall freuen wir uns auf die Zeit, die wir hier verbringen werden. Und wir sehen – nach langer Zeit der Abstinenz – einem Event besonders entgegen: einem gemütlichen Glas Wein am Abend.

Wie wir darauf kommen, dass es hier guten gibt?
Pondi ist wie Kölle: Der Ashram von Sri Aurobindo ist so in die Stadt verwoben und so reich, dass er uns an den Kölschen Klüngel erinnert – die Stadt ist sozusagen auromatisiert. Auch in Puducherry ist kürzlich ein öffentliches Gebäude eingestürzt – allerdings das Rathaus, nicht das Stadtarchiv. Und Pondi teilt mit Kölle die französische Besatzungsvergangenheit.

Wegen dieser französischen Vergangenheit soll man hier einen guten Wein bekommen können, besser als an jedem anderen Ort in Indien. Also machen wir uns, als es dunkel wird, auf in eine vergleichsweise noble Bar in der Nachbarschaft unseres Guest House.

Ein junger Mann im gestärkten weißen Hemd und schwarzer Kellnerhose bringt uns die Karte.
„We have three red wines“, erklärt er, schlägt die Karte auf und deutet mit der rechten Hand auf die Auswahl an Weinen. „Which one you prefer?“
Petra und ich schauen näher hin. Ein südafrikanischer mit Mountains im Namen, ein Rioja und der Hauswein ohne genaue Herkunftsbezeichnung.
„We like the South-African“, sagt Petra, nachdem wir uns kurz beraten haben. Südafrikanische Weine halten wir beide für narrensicher.

Der Kellner geht und kommt kurze Zeit darauf zurück mit einer Serviette über dem Arm und einer Flasche mit Schraubverschluss, die er uns mit höflicher Geste präsentiert. Mit Schmackes stellt er zwei Gläser auf den Tisch und schenkt in eines einen Schluck Wein ein.
Petra trinkt und reicht mir das Glas.
„Das schmeckt ja grauenhaft“, sagt sie, in einem Ton, als würde sie einfach nur interessiert mein fachliches Urteil einholen. „Ich bin zwar kein Weinkenner, aber das kriegt doch kein Mensch runter. Probier mal.“
Ich nehme das Glas und trinke. Wirklich erstaunlich, irgendwie … toxisch.
„Sorry, we don’t like it“, sagt Petra, aber so schnell will sie nicht aufgeben. „Can we try the Spanish wine, Mister?“
Es dauert keine Minute, bis er uns eine weitere Flasche präsentiert. Die Geste, mit der er elegant eine Kostprobe einschenkt, verheißt einen trockenen Rotwein mit Aromen von Kirschen und Vanille.
Ich nippe und bin mir sofort klar: Dagegen schmeckt der billigste Fusel wie die Nummer eins im Gault Millau.
„Äh, was machen wir denn jetzt?“ Ich schaue Petra hilflos an. „Was, wenn uns der dritte auch nicht schmeckt?“
„Der muss doch gut sein“, sagt sie. „Immerhin ist es der Hauswein, und den muss man als Restaurant sorgfältig auswählen. Sonst zeigt man, dass man keine Ahnung hat.“
Sie sieht den Kellner mit unschuldigem Blick an. „Sorry, can we taste the house wine?“
Der Kellner lächelt angestrengt und bringt die dritte Flasche.
„You like it?“, fragt er.
Petra und ich nehmen jeder einen Schluck. Es schmeckt, als wenn jemand Traubensaft mit Motoröl versetzt hat.
Wir sehen uns an.
„Den können wir doch nicht bestellen“, sagt Petra. „Davon kriege ich keinen Tropfen runter.“
Aber wie vermitteln wir das dem Kellner?
„It tastes like … petroleum“, sagt Petra nach kurzem Zögern und schenkt dem Kellner ihr schönstes Lächeln. „Can we have a beer instead?“
Der Kellner wirkt ein wenig perplex, bleibt aber freundlich. „Sure, Madam.“
Als er weg ist, muss ich lachen. „Petroleum?“
„Naja“, meint Petra. „Soll man lügen?“

Als der Kellner zwei Fisherking-Biere bringt, sagt sie: „Spiritus sollte man nicht aus Rücksicht auf die Gefühle des Kellners trinken. Sondern lieber etwas, das Leib und Seele zusammen hält: Mer muss sich och jet jünne könne.“
Und mit diesen Worten stoßen wir an. Zwar nicht wie echte Ladys, weil die vielleicht auch das Wein-Desaster mit Würde genommen hätten. Dafür aber mit dem guten Geschmack nach Bier auf der Zunge, Chérie.

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Tierisch früh unterwegs

„Et es, wie et es“, sagt Petra und gähnt.
Ein schwacher Trost. Et es nämlich kurz vor fünf.

Aus einem mir in diesem Moment nicht nachvollziehbaren Grund habe ich sie am vorherigen Abend überredet, dass wir auf dem Weg nach Pondicherry den Vogelpark Vedanthangal besuchen. Und wer Vögeln beim Aufstehen zuschauen will, muss halt früh aus den Federn.

In der Dunkelheit vor Tagesanbruch sind nur mildes Knattern von Motoren und einzelne zaghafte Huptöne zu hören. Mamallapuram schläft noch.

Unser Fahrer hievt die Rucksäcke in den Kofferraum.
„Learning“, sagt er und deutet auf einen jungen Mann, der auf den Treppenstufen neben dem Eingang zum Guest House wartet. „Can drive in car together?“
Petra runzelt die Stirn und lässt die Worte in ihr morgendliches Bewusstsein tropfen.
„What?“, fragt sie ihn. Dann dreht sie sich zu mir herum: „Was will er denn nur?“
Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung, vielleicht möchte er seinen Freund mitnehmen?“
„No“, sagt Petra entschieden. „He cannot go with us to Vedanthangal.“
„But he leaner“, sagt der Fahrer. „Driving. Come in car.“
„Na, das klingt mir ja etwas undurchsichtig. Das hätte er uns wirklich gestern Abend fragen müssen“, meint sie. „Und überhaupt: Der Reiseführer warnt Frauen davor, dass der Fahrer plötzlich einen zweiten Mann mitnimmt. Vor allem bei Dunkelheit.“
Bestimmt hat sie recht, aber meine Schwelle für Gefahrenwahrnehmung ist wegen der Müdigkeit herabgesetzt. Ich finde, er sieht ungefährlich aus. Jedenfalls, wenn meine Lider mal einen Moment oben bleiben.

„Warum wollte ich da noch mal unbedingt hin?“, frage ich Petra, als wir etwa fünfhundert Meter über die holprige Straße gefahren sind.
„Du wolltest unbedingt Vögel sehen“, sagt Petra. „Und jetzt haben wir den Salat. Der Fahrer entführt uns allein – und wenn er gar nicht vorhatte, uns zu entführen, dann ist er jetzt bestimmt sauer.“
In diesem Moment dreht der Mann sich um.
„Coffee?“, fragt er und lächelt freundlich. Wenn der uns entführen wollte, fresse ich einen Besen. Aber sauer scheint er auch nicht zu sein.
„Drinkste ene mit?“, will Petra wissen, und ich nicke.
Wir halten an und steigen aus. Verrückt, dass hier schon Leute wach sind, aber Frauen streuen mit Reismehl Kolams auf die Straße, und mit dem Rieseln des weißen, roten, blauen, pinken Pulvers entstehen kunstvolle Mandalas oder eben: Vögel. In einer per Neonröhre beleuchteten Bretterbude steht ein Mann, der Kaffee feilbietet. Neben ihm sind Gläser mit Keksen aufgebaut, über ihm hängen Töpfe und allerlei Kräuter.

Der Mann hat ein ziemlich rundes Bäuchlein, aber er bewegt sich grazil wie ein Tänzer. Mit der rechten Hand greift er nach dem Pöttchen, in dem das Wasser auf der Gasflamme brodelt, und streut mit der linken Pulver in drei kleine Gläser. Das Wasser verteilt er über die Gläser, dann nimmt er ein Blechtöpfchen und gießt die dunkle Flüssigkeit so lange geschickt zwischen Glas und Töpfchen hin und her, bis das Gebräu die richtige Temperatur hat. Formvollendet reicht er jedem von uns ein Glas, und es ist genau richtig und schmeckt köstlich. Gerade, weil es so früh ist.

Gestärkt steigen wir ins Auto und diskutieren nun angeregt darüber, ob wir den Jungen hätten mitnehmen sollen, kommen aber zu keinem Schluss: Et es eben, wie et es. Und das scheint auch der Fahrer zu denken, denn er fährt ruhig lächelnd durch die Restnacht.

Eine Stunde später erreichen wir über einen holprigen Feldweg Vedanthangal Bird Sanctuary. Es wird bereits hell. Moskitos stürzen sich auf uns, als wir aus dem Wagen steigen. Das Zwitschern von Vögeln ist zu hören. Dahinein mischt sich das stetige Rauschen der nicht unweit gelegenen Fernstraße.

Neben dem Ticket Office haben einige Verkäufer ihre Waren aufgebaut, grüne Kokosnüsse und Plastikspielzeug – außerdem ist dort ein kleiner Raum, in dem beleuchtete Bilder der gefiederten Freunde hängen, die wir in dem etwa 30 Hektar großen Naturschutzgebiet erspähen können. Unter den Exoten ist auch die so genannte Rock Pidgeon zu finden, die unserer Stadttaube mit den zwei dunkelgrauen Flügelbinden zum Verwechseln ähnlich sieht.

Durch ein kleines Tor gelangen wir in den Park. Ein gepflasterter Weg markiert die Aussichtsstrecke. Von einem kleinen Turm aus haben wir einen fantastischen Blick über das Gebiet, in der Ferne erblicken wir weiße Kraniche. Und dann ist etwas zu hören, das klingt wie der Ruf einer Ringeltaube.

Die Sonne bricht durch die Wolken und färbt den Himmel rosa, majestätisch ziehen einige Schlangenvögel über den See und lassen sich nieder. Aber so nah wie wir gehofft hatten, kommt keiner, und ein Fernglas haben wir nicht mit.

Als wir vom Turm herabsteigen, kommen uns auf dem gepflasterten Weg einige Affen entgegen. Wir bleiben wie angewurzelt stehen und beobachten sie. Einer davon folgt einem andern.
„Guck mal, die wollen …“… spielen, will ich gerade sagen, als der größere Affe den kleineren besteigt.
Wir knipsen die beiden beim Sex, aber das Männchen mag wohl keine Paparazzi. Es fletscht die Zähne und greift uns an. Wir nehmen die Kamera und die Beine in die Hand und rennen Richtung Ausgang.
„Vögel sieht man hier nicht aus der Nähe“, stellt Petra fest, als wir wieder im sicheren Auto sitzen. „Dafür aber Affen, die vögeln.“

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Freunde, wir werden gestalkt!

Wir sind auf dem Weg zu unsrem Hotel in Mamallapuram, als uns ein dringendes menschliches Bedürfnis plagt. Fast haben wir das weiß getünchte Haus mit den schmalen Balkonen schon erreicht, als uns ein fülliger, gut gekleideter Mann in ein Gespräch verwickelt. Zu unserer Verblüffung verrät er uns nach ein wenigen Minuten, dass er Ragul heißt, Reisekaufmann ist und Touren durch den Süden von Indien anbietet.
„I have driver taxi see all beautiful places in Tamil Nadu“, sagt er, während wir von einem Bein aufs andre treten. „You friends sit here I make good price.“
Zwar in Nöten, sind wir dennoch erfreut, in der Fremde so schnell einen Freund gefunden zu haben. Immerhin ist ein ehernes Kölsches Gesetz: Echte Fründe stonn zusammen. Wir setzen uns mit ihm unter eine Palme in der Nähe.
Eine Stunde später eilen wir mit seiner Visitenkarte, unserem Gepäck und in großer Bedrängnis die Treppen zu unserem Zimmer hinauf.

Wir sehen Ragul schon am nächsten Tag wieder. Er winkt fröhlich herüber, als ein Schneider auf der Hauptstraße Petras Rucksackträger repariert. Ach, du liebe Zeit, wie hat der uns denn nur so schnell wieder gefunden?
„When you visit my shop?“, fragt Ragul und lächelte etwas zu breit. „Make good journey, make good price for you, my friend!“

Der Schneider, ein junger Mann ebenmäßigen Gesichtszügen, stellt sich als Subramaniyam vor und versichert uns, dass er uns nichts verkaufen will. Dann bittet er uns in das Geschäft seines Bruders nebenan, einen nach Räucherstäbchen duftenden, mit kleinen Shivafiguren und Silberschmuck voll gestopften Laden. Er wolle uns etwas Wichtiges zeigen. Aus einer Vitrine mit kristallbesetzten Meditationsstäben reicht er uns etwas, das wie eine messingfarbene Salatschüssel aussieht.
„Is good for chakra, you know chakra?“, fragt er und zieht einen mit gemusterter Seide bezogenen Hocker heran. „Sit here, I show you.“
Er bittet mich, die Augen zu schließen und schlägt mit einem filzbezogenen Klöppel an die Salatschüssel, je drei Mal vor meinem Kopf, Hals und Bauch. Es dröhnt stark und ist gar nicht unangenehm. Aus einem unerfindlichen Grund erinnere ich mich plötzlich an meine erste große Liebe, einen Bassisten.
„Is not only good for you but for all your family“, sagt er, nachdem er Chakra-Chakra gemacht hatte. „Five minute every day!“
„What costs it denn?“, frage ich vollkommen überrumpelt, und Subramaniyam zückt Block und Stift, um zu rechnen, und schiebt mir dann den Taschenrechner mit dem Preis in Euro hin: 362, steht dort.
„But I make good price for you, my friend.“
Das kommt mir vage bekannt vor.

Petra übernimmt und manövriert mich aus dem Laden hinaus.
„Wir können keine Einskommafünfkiloschüssel im Rucksack bis nach Mumbai schleppen“, sagt sie.
Dieser Logik kann ich mich nicht verschließen.
Ragul winkt wieder von gegenüber, Subramaniyam ruft uns hinterher: „I see you next day, friends!“ Wir ziehen die Köpfe ein.

Tags darauf wollen wir zur Tiger Cave, einer Höhle, die von neun in den Stein gehauenen Tigerköpfen eingerahmt wird und in deren Inneren sich ein Schrein für die Göttin Durga befindet. Um uns dem verkäuferischen Talent von Ragul und der subtilen Verführung Subramaniyams zu entziehen, nehmen wir uns ein Tuk Tuk, das uns ein wenig abgeschirmt durch den Stadtkern und die fünf Kilometer nach Norden fahren wird.
„You go Tiger Cave and I bring you Corkodibunk!“, verkündet der Fahrer, ein kleiner älterer Mann mit silbernen Strähnen im pomadigen Haar.
„No, no Crocodile Bank“, ruft Petra, während ich noch überlege, was wohl ein Corkodibunk sein mag. „We only want to see the Tiger Cave!“ Sie raunt mir zu: „Die Krokodilfarm ist doch fast zwanzig Kilometer weg – und außerdem will ich keine eingesperrten Tiere sehen.“
„But other tourist go Corkodibunk, like it“, insistiert der Mann. „You go Corkodibunk.“
Wir schütteln synchron die Köpfe und handeln mit ihm einen fairen Preis von 250 Rupien für die Fahrt zu den Tigerköpfen aus.
Ich bin noch nie Tuk Tuk gefahren und halte wie ein beglückter Cockerspaniel die Nase in den Wind, der durch die offenen Seiten des dreirädrigen Gefährts dringt. Ab und an zuckt Petra zusammen, weil ein Wagen auf der Gegenfahrbahn uns beim Überholen beinahe rammt.

Die Tigerhöhle ist den Ausflug wert. Die in Stein gemeißelten Köpfe blicken majestätisch auf uns herab, und es gibt sogar noch eine frische Ausgrabungsstätte eines Tempels in der Nähe und eine Bonushöhle mit einer Lingamskulptur, dem besten Stück von Shiva. Petra posiert mit dem Phallus, dann gehen wir zurück zum Parkplatz, wo unser Fahrer wartet. Die Rückfahrt ist noch mal ein Highlight für alle, die zum ersten Mal Tuk Tuk fahren. Also für mich.

Wir haben es geschafft: Ohne mit Subramaniyam und Ragul zusammenzutreffen, sind wir wieder am Hotel angekommen, haben keine Klangschale kaufen und keine Reise buchen müssen. In meiner Erleichterung frage ich unseren Chauffeur, ob Petra von uns ein Foto machen dürfe – er sei immerhin mein erster Tuk-Tuk-Fahrer. Strahlend willigt er ein und wir knipsen ein Foto, dann bekommt er sein Geld. Endlich einer, der sich nicht an uns hängt!

Erst, als wir schon fast an der Tür vom Hotel stehen, ruft er uns hinterher: „Hey, you want my mobile number? I give you mobile number, you call me when need taxi. I make good price for you, my friend!“

Wir drehen uns nicht um. Höchste Zeit, dass wir uns auf den Weg nach Pondicherry machen. Mal sehen, ob unsre drei Freunde Artikel 4 des Kölschen Grundgesetzes kennen: „Wat fott es, es fott.“

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Mamma mia, Mamallapuram!

Selbstie vor Plastiknetzen am Strand von Mamallapuram
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Halloween oder Disneyworld? Bei den einheimischen Steinmetzen kann man sich nie sicher sein
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Shiva-Colonia-Reisende Hannelore liebäugelt bei diesem Anblick mit Leberwurst vom Zicklein – das auf dem großen Felsenrelief „Arjunas Buße“ einen Stunt vollführt
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Krishnas Butterball ist eine ganz schön harte Nuss
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Petra ist eine starke Frau. 4000 Tonnen sind für sie kein Problem
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Stairways to heaven auf Indisch
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Die Fünf Rathas, zwei Kilometer südlich des Dorfzentrums, sind so etwas wie eine Mustertempelschau aus dem 7. Jahrhundert
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Unser täglich Fotoshooting – für die Inder sind große bleiche Frauen offenbar ein Muss
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Erst das Shooting, dann das Vergnügen
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Shiva hatte deutliche Erektionsprobleme, sonst gäbe es nicht überall diese wunderbar gelungenen Penis-Parodien. Hier posiert Frau Nadolny mit einer der kleinsten Lingam-Skulpturen vor dem Shiva-Schrein nahe der Tiger Cave
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Karnevalistin Anne Weiss wundert sich: Hab ich was im Gesicht?
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The Constitution of Cologne als Exportschlager

Wir hätten nie gedacht, wie schnell es geht: Kaum, dass wir mit vom Flug geschwollenen Füßen indischen Boden berührt haben, werden wir von der Relevanz des Kölschen Grundgesetzes nahezu überrollt: Am Flughafen in Chennai drückt uns ein leger Uniformierter gleich drei Formulare ins verschwitzte Händchen. Et es, wie et es – das muss ausgefüllt werden.

Oha. Dabei hatten wir doch am heimischen Schreibtisch in Köln schon so viel Spaß mit der indischen Bürokratie. Um den dreiseitigen Antrag auf ein Visum auszufüllen, war zumindest ein Grundstudium in Formularistik notwendig. Da gehörte die Frage, ob unsere Großeltern aus Pakistan stammen, noch zu den einfacheren. Wer weiß schon auf Anhieb mit Sicherheit zu sagen, welche mittleren Vornamen und Geburtsorte sich in den Ausweisen der eigenen Eltern verbergen? Zumindest eine von uns beiden überlegte, ob es unverdächtiger sei, für die Angabe des Geburtsortes ihres Vaters – früher Deutschland, heute Polen – die heutigen Grenzen zu ignorieren. Dazu kam, dass ich nachträglich aufgefordert wurde, ein Journalistenvisum zu beantragen, wohlgemerkt zusammen mit der eidesstattlichen Versicherung, dass ich in Indien keiner journalistischen Arbeit nachgehen werde. Um dann in meinem Pass das Touristenvisum einer Frau G. vorzufinden, die allenfalls vage Ähnlichkeit mit mir besitzt.

In den Flughafenformularen müssen wir einige Fragen des Visum-Antrags zur Sicherheit noch mal handschriftlich beantworten, uns mit unerklärlichen Abkürzungen herumschlagen und angeben, ob wir unter Ebola leiden. Als wir an den sehr gepflegt, aber provisorisch anmutenden Ebola-Schalter treten, um das Formular abzugeben, sitzt dort keiner mehr. Wat soll dä Quatsch?

Raus aus dem Flughafen in die versmogte Luft der Großstadt. An einem Pre-Paid-Taxistand verkauft uns ein Mann die Fahrt nach Mamallapuram für 1500 Rupien. Dann ruft er zum Mitverdienen einen Herrn, der uns die zehn Meter zu den Taxis führt. Der Taxifahrer wird ausgelost, so scheint es uns, weil es einiges Herumgeschiebe von Quittungen und so etwas wie ein freundliches Handgemenge gibt. Der Sieger, ein Mann mittleren Alters, zwinkert und zuckt während der Fahrt so lange, bis Petra versteht, dass er sie nicht anbaggern will, sondern möglicherweise an einer leichten Form der Epilepsie leidet. Wir fühlen uns in seinem Wagen dennoch sicher: Er umfährt alle auf der Straße stehenden Kühe weiträumig. Gerne gestatten wir ihm, für einen Teller Dal an einer Straßenküche anzuhalten.

Da Mamallapuram nur ein kleiner Küstenort ist, finden wir das Hotel Daphne recht schnell. Wir sind mitten im Partyquartier gelandet, aber das Hotel hat einen bezaubernd begrünten Innenhof, in dem es sehr ruhig ist. Nachdem wir ihn genügend bewundert haben, ist das Zimmer bereit und wir fallen aufs Bett wie ins Koma.

Zwei Stunden später schälen wir unser Gepäck aus dem Rucksack, richten uns ein und gehen dann im Ort spazieren. Frauen wie Männer in bunter Kleidung bieten selbst hergestellten Schmuck feil. Vor dem Laden eines Steinmetz‘ sehen wir neben dem Abbild einer Riesenkuh, deren Hals gleich mit drei Glocken geschmückt ist, ein lebendiges Rindvieh ein Stück Plastik wiederkäuen.

Es ist ähnlich verschmutzt wie in Köln nach den tollen Tagen, bevor sich die Stadtreinigung erbarmt. Und es dauert nicht lange, bis uns jemand den Weg zum Strand zeigt, nachdem wir ein paar Mal zufällig Touristenführer erwischen, die lieber über ihre günstigen Angebote sprechen.

Am Strand ist viel los: Bei den Verkäufern von Ketten und Tüchern üben wir Gelassenheit und ein schräges Kopfnicken, in Verbindung mit einem Schulterzucken, das laut Reiseführer für Verwirrung sorgt, weil es weder Interesse signalisiert noch unfreundlich ist. Plötzlich treten vier junge Inder auf uns zu, die ein Foto mit uns machen möchten. Diese Situation ist zumindest Petra nicht ganz fremd, und so fühlen wir uns praktisch jetzt schon wie zu Hause. Fehlt nur die Aussicht op d’r Dom – aber wozu gibt es Tempelanlagen aus dem 7. Jahrhundert?

Ausgehungert treffen wir im Blue Elephant Café eine Amerikanerin, die für ihre Firma in Chennai Mitarbeiterschulungen durchführt. Sie lässt sich vom Kellner einen blauen Krebs an den Tisch bringen, der sich bewegt. Schon eine Viertelstunde später hat er das Zeitliche gesegnet und liegt in einer roten Soße auf ihrem Teller.

An der Wand fixiert ein dicker beiger Gecko einen Strom Ameisen, während wir mit der Krebsverschlingerin plaudern. Sie will wissen, warum wir uns Indien als Reiseziel ausgesucht haben, und wir erklären unseren Plan. Seltsamerweise hat sich das Kölsche Grundgesetz in den USA noch immer nicht durchgesetzt. Wir schlagen ein Hollywood-Remake vor, das dann sicher ein ähnlicher Kassenschlager wird wie „The Shack“ und „The Secret“ – vielleicht hat ja Brad Pitt Lust auf die Verkörperung von Willy Millowitsch. „The Constitution of Cologne“, das wär doch was. Aber wir exportieren die Idee nur, wenn das Kölsche Grundgesetz hier weiter läuft wie geschnitten Naan …

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Was haben wir vor?

Mantra, Mantra – mit dem Kölschen Grundgesetz durch Indien

Wir Rheinländer wissen: Wer wahre Erleuchtung sucht, schaut ins Kölsche Grundgesetz. Vom Leben im Hier und Jetzt – „Et es wie et es!“ – bis zur Akzeptanz der Vergänglichkeit – „Wat fott es, es fott.“ – in diesen Sätzen finden wir Jecken für jede Lebenslage Rat.
Aber gelten die weisen Worte auch außerhalb der Grenzen der Domstadt?

Das wollen wir – Switch-Comedienne Petra Nadolny und Autorin Anne Weiss („Generation Doof“) – herausfinden. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als das Land, das die Erleuchtung quasi erfunden hat: Indien. Was uns dort geschieht, erfahrt ihr in diesem Blog – do laachs de disch kapott!

6 Wochen, 5 Frauen, 1 Projekt: Das ist Shiva Colonia!

Opjepass! Wir zwei sind nicht allein unterwegs: Mit uns reisen Sybille Herkenrath, Marion Radetzky und Hannelore Schmitz. Drei Frauen von Format, die gemeinsam einen Kundalini-Yoga-Kurs an der Volkshochschule besuchen und sich auf Anraten ihres Gurus Rainer den nächsten Flieger geschnappt haben. Sie berichten euch live von ihren Erlebnissen. Wundert euch nicht, wenn sie alle ganz, ganz leichte Ähnlichkeit mit Petra Nadolny haben. Alles Inzucht hier in Köln.